Corona und seine Folgen

Vor genau drei Wochen haben wir in der Teambesprechung darüber gesprochen wie wir mit Corvid-19 umgehen wollen. Meine Kolleginnen war sehr viel gewissenhafter und ernsthafter mit der Thematik als ich. Ich wollte weder in die Massenhysterie einfallen, noch wollte ich mit Angst oder Panik reagieren. Angst und Panik schwächen übrigens nachweißlich das Immunsystem. Meine Kolleginnen habe dennoch dafür plädiert die Gäste erstmal, zum Hände waschen, auf die Toilette zu schicken und noch mehr als vorher zu desinfizieren. Damit habe wir begonnen und habe bisher gute Erfahrungen damit gemacht.

Trotzdem gibt es jetzt bereits deutliche Einbrüche. Und nachdem Stuttgart beginnt alle Veranstaltungen abzusagen, Clubs und Bars schließt wird es vermutlich auch nicht besser. Für mich, als „Ein-Frau-Freiberuflerin“, alle Sexarbeiter*innen und alle anderen kleinen Betriebe natürlich eine absolute Katastrophe.

Update, Samstag 14. März 2020

Mittlerweile ist Sexarbeit in Stuttgart Bundesweit untersagt. Das heisst momentan darf ich keine Massagen und BDSM-Sessions im Salon Excentric anbieten. Beratungen und Therapiesitzungen sind weiterhin erlaubt.

Und „für alle die trotzdem BDSM erleben möchten“ sich jedoch um ihre Gesundheit sorgen, gibt es ab jetzt die Möglichkeit eine Online VideoSession oder eine TelefonSession zu buchen.

Und ich freue mich natürlich über alle bekannten Kontakte, die mich in dieser besonderen Zeit begleiten und sich hin und wieder melden.

Bitte fragen Sie nach 🙂

Dies erfolgen entweder über WhatsApp oder über Skype -> Daria Stuttgart 0179-3848854

Bitte kontaktieren Sie mich per Mail. E-Mail

Herzlichen Dank

Daria

Mein erstes Radiointerview vom 3. März 2020

Ja, ich war im Radio 😅 ein Interview mit mir, das war nicht so einfach.

Und ich hatte unglaublich viele Informationen in Gepäck, die ich gerne in der Sendung unterbringen wollte.

Hier nächtliche Thread den ich bei Twitter geschrieben habe, als ich zurück war. Also in diesem Falle, ein kleiner Mitschnitt einer aufgeregten Daria die erzählt was sie grad so bewegt hat, insbesondere an dem 3. März 2020 vor und nach dem Interview.

Ein Thread: 

1/ Heute Abend von 22- 23 Uhr hatte ich die allererste Radiosendung in meinem Leben. Ehrlich gesagt auch meine erste öffentliche Aktion für #Sexarbeit #FightStigma Hier das Interview in der Big Fat Meal Session (mittlerweile ohne die Musik, wegen der GemaGebühren)

2/ Nachdem ich eine Stunde heim fahren musste, sitze ich nun zu Hause in meiner Küche und bin immer noch ganz schön aufgedreht 🥴 Fürs #ErsteMal war es okay – ausbaufähig 🙄

3/ Als wir @Lady_Leona @LadyAlraune und ich letzte Woche die Anfrage bekamen, wurde schnell deutlich, dass ich die einzige bin die Zeit hätte. Also habe ich mal schnell „Ja“ gesagt ohne wirklich zu wissen, was das bedeutet.

4/ Letzten Endes kann man eine so tolle Chance nicht verstreichen lassen. Aaaaber, ich habe manchmal mit Prüfungsangst zu tun. Und so fühlte sich das heute ab und zu an. Ein Grund, warum ich fast niemandem vorher gesagt habe, wann und wo die Sendung läuft.  

5/ Nun ist vorbei und ich höre die Sendung grad noch einmal. Die Musik stammt übrigens unter anderem aus den Ideen des Thread’s von @DichJasmin – Musik die mit #Sex oder #BDSM oder #Sexarbeit zu tun hat.

6/ Ich befinde mich momentan irgendwo zwischen Selbstkritik und Begeisterung für meinen Mut 😊 Letzteres überwiegt. Es ist echt etwas anderes schriftliche politische Aussagen zu verfassen als sich in einem Interview auszudrücken.

7/ Ich hab die letzten Tage also wirklich viel „geübt“ damit ich rhetorisch einigermaßen sicher bin. Dennoch war ich ganz schön aufgeregt und das merkt man an einigen Stellen – vorher hatte ich beim üben immer mal wieder Wortfindunsstörungen 😂

8/ Manchmal verhaspele ich mich und es gibt einmal eine Situation wo erst ich und dann die Moderatorin den Faden verloren hat 😂 An der Stelle war ich eben nochmal, nebenbei läuft die Sendung noch immer. Darüber lache ich jetzt – es hat wirklich viel Spaß gemacht und ich würde wieder tun 😃

9/ Nun bin ich entspannter 🙃 Die Sendung ist noch bis nächsten Dienstag zum Hören im Archiv der @wuestewelle Und wird dann nochmal wiederholt am 15.3. morgens um 8 Uhr #SexarbeitIstArbeit #FightStigma #sexworkiswork #IchLiebeWasIchTue

Eine wunderbare Nacht wünsche ich euch 😴

Zum Artikel „Freier oder unfreier“ aus der „Zeit“

Vor einigen Wochen gab es, zwischen Kristina Marlen und Leni Breymeier, ein sehr spannendes Streitgespräch in der Zeit (siehe Foto). Leider kann man es online ohne Abo nicht mehr einsehen, vielleicht ersetzt es das Foto ein wenig. Hier der Link, falls ihr/sie ein Abonnement habt: Freier oder unfreier

Ein lieber Freund und Unterstützer von uns, hat anschließend einen sehr ermutigenden und klar positionierten Leserbrief zu diesem Artikel verfasst.

Die Antwort darauf fand ich persönlich sehr dünne und habe den Eindruck, dass Frau Parnack in gewisser Weise doch nicht ganz ‚unparteiisch‘ ist.

Beides wollte ich gerne mit euch teilen, in der momentanen politischen Lage für Sexarbeiter*innen ist es einfach so wichtig, dass möglichst viele Informationen in die Welt kommen, die deutlich machen womit wir in der Sexarbeit konfrontiert sind.

Danke Dir sehr A. für Dein Engagement und Deine wunderbare Unterstützung 🙏

Leserbrief zu „Freier oder unfreier?“ vom 30. Januar 2020 (6/2020) 

Sehr geehrte Damen und Herren, 

in dem Interview berichtet Frau Breymaier, ein Sozialarbeiter habe ihr erzählt, in seinem Umfeld würden mindestens 95 Prozent der Frauen zur Prostitution gezwungen. 

Das ist mal wieder eine dieser Hochrechnungen auf Grund von Schätzungen, die auf Vermutungen beruhen, wie so häufig bei diesem Thema. 

Der Schluss des Sozialarbeiters aus seinem Umfeld auf die Gesamtzahl der unfreiwilligen Prostituierten kommt mir vor, wie wenn ein Monteur in einer Autowerkstatt aus seiner Erfahrung schließt 95 % aller Autos seien defekt. 

Wenn Frau Breymeier das Wort Sexarbeiter nicht benutzt, ist das ihr Problem, aber einfach zu definieren Prostitution habe mit Sex nichts zu tun, steht ihr weiß Gott nicht zu! Und wenn sie gegen Menschenrechtsverletzungen ist, muss sie ehrlicherweise auch gegen ein faktisches Prostitutionsverbot wie das sog. Nordische Modell sein. Außerdem, wieso fordert sie ein „Sexkaufverbot“, wo doch Prostitution – nach Breymaiers Meinung – gar nichts mit Sex zu tun hat?Ihre Behauptung, sie schütze Frauen in der Prostitution, ist so absurd wie nur irgend etwas. Jemand schützen zu wollen, indem man ihm/ihr die Ausübung des Jobs verunmöglicht ist doch schizophren! 

Weiter behauptet sie:„Dieses schwerkriminelle Milieu ist nach der Einführung des Sexkaufverbots abgezogen. Nach Deutschland.“ 

Dazu eine Pressemitteilung der schwedischen Polizei von 2010:„Die schwere organisierte Kriminalität, darunter Prostitution und Menschenhandel, hat im letzten Jahrzehnt an Stärke und Komplexität zugenommen. In Schweden stellt sie ein ernstes soziales Problem dar und die organisierte Kriminalität erwirtschaftet durch die Ausbeutung und den Handel mit Menschen unter sklavenartigen Bedingungen große Geldsummen.“Wo also ist sie, die segensreiche Wirkung des Nordischen Modells? 

Ich bin auf Frau Breymaiers Seite, wenn sie Tagesmietpreise von 120 bis 160 € für ein Zimmer beanstandet. Aber warum bemüht sie sich nicht – in einem ersten Schritt  – dagegen vorzugehen? Wegen solcher Zustände Sexkauf komplett verbieten zu wollen bedeutet doch, das Kind mit dem Bade auszuschütten. 

Wenn Frau Marlen ihre Gefühle und Empfindungen bei ihrer Arbeit beschreibt, wird dies von Breymaier einfach als Mythos oder Legende abqualifiziert. Das ist empörend und zeigt, dass mit Frau Breymaier eigentlich überhaupt nicht vernüftig diskutiert werden kann.Frau Breymaier schließt mit der Aussage: „ Mir hat erst letzte Woche ein Sozialarbeiterin Berlin von einer Frau erzählt,…..“Was ihr die Sozialarbeiter erzählen, ist für sie Fakt, was ihr eine Sexabeiterin berichtet, ist Mythos und Legende. Deshalb nochmal: Mit Breymaier ist eine vernünftige Diskussion nicht möglich! 

Als Schiedsrichter würde ich urteilen mindestens 1:0 für Frau Marlen! 

Mit freundlichen Grüßen 

A.

Antwort auf den Leserbrief von A.

Sehr geehrter Herr A.

haben Sie Dank für Ihre Zuschrift und Ihr damit verbundenes Interesse am Streitgespräch „Freier oder unfreier?“.

Dass ich mich als Moderatorin an dieser Stelle auf keine Seite schlagen möchte, ist vielleicht verständlich – wohl aber habe ich Ihre Zeilen mit Gewinn gelesen und kann Ihren Gedankengang dazu gut nachvollziehen.

Nicht ohne Grund ist sich Frau Breymaier im Klaren darüber, dass sie in Ihrer Partei wie überhaupt in der Gesellschaft eine Minderheitenmeinung vertritt. Kristina Marlen hingegen hat vielleicht die Mehrheitsmeinung auf ihrer Seite, dafür aber gesellschaftlich eine wesentlich schwierigere Position und Verbreitungskraft.

Insofern kann ich ganz unparteiisch immerhin soviel sagen, dass ich beide Frauen für ihren Mut bewundere, öffentlich für ihre Position bei so einem schwierigen Thema zu streiten. Und was ich noch sagen kann, ist: Dass ich mich, sowohl als Leiterin des Streit-Ressorts wie auch als als Moderatorin des Gesprächs, sehr über Ihr Interesse freue. Bleiben Sie uns gewogen.

Das hofft, mit freundlichen Grüßen

Charlotte Parnack DIE ZEIT

Warum ich meine Arbeit liebe

Am gestrigen Sonntag, den 3. Februar 2020 hat eine Kollegin in Köln damit angefangen zu schreiben, warum Sie ihre Arbeit als #Sexarbeiterin liebt ☺️ Diese Idee fand ich sehr schön, vor allem in Anbetracht der Debatte um ein #Sexkaufverbot in Deutschland – sowie die Schwierigkeiten die sich hier in Stuttgart ,mit den neuen Gesetzeslagen, für Sexarbeiter*innen zeigen.

Gestern habe ich es also bei Twitter verfasst und heute veröffentliche ich es auch hier auf meiner Seite, damit ich es meinen Follower hier und allen Neugiergen nicht vorenthalte! Ich belasse es in der Form der Stichpunkten, passend aus den einzelnen Tweets, von gestern.

1./ Das was ich am allerliebsten habe, in meiner Arbeit mit #BDSM und #Tantra ist es, dass ich Menschen berühren kann. Ich liebe es in Körperkontakt zu sein, ich liebe es Menschen anzufassen, zu packen, zu streicheln, zu fühlen, mit ihnen zu atmen… Hach, einfach fantastisch! 

2./ Ach, genauso toll ist es, mein gegenüber geistig und emotional zu erreichen, zu berühen, zum fühlen zu bringen, ins Schwingen zu versetzen – dass ist ein so großes Geschenk 🎁 Und auch einer der Gründe warum ich liebe was ich tue! #SexarbeitistArbeit #sexworkiswork

 3./ Meine Arbeit als Sexarbeiterin ist auch immer so etwas wie ein aufregendes Abenteuer. Mein Gegenüber zu erkunden, zu entdecken, ihn/sie verstehen zu lernen, heraus zu finden was berührt, wer er/sie wirklich ist. Intimität spüren, Lust erleben, Höhen und Tiefen erkunden und entdecken ☺️

4./ Ich habe in den sieben Jahren unglaublich viel über meine eigene Lust gelernt. Ich habe gelernt los zu lassen, erfahren was mich alles anmacht, was ich geil finde, gelernt mich selber besser zu spüren. Ich habe meinen eigenen Horizont ungemein erweitert und es kommen immer wieder neue Dinge aufs Plateau, die mich überraschen.

5./ Ich liebe meine Arbeit, weil ich als #Sexarbeiterin vollkommen flexibel bin. Ich kann mir meine Arbeitszeiten einrichten wie ich mag, arbeite nur so viel wie mir gut tut, nehme nur Gäste an auf die ich Lust habe und ich kann meinen Urlaub so planen wie ich möchte. 

6./ Als ich noch als Heilerzieherin tätig war (etwa 18 Jahre lang), war ich immer am Limit, immer erschöpft und habe mich mit meinem eigenen Idealismus (gefühlt) manchmal fast zu Tode geschuftet, weil die Bedingungen schlimm waren! Heute mache ich meine Bedingungen selbst ☺️

7./ Apropos Bedingungen, ich kann mit meiner Arbeit reisen. Ich war in vielen tollen Städten und vielen tollen Studios, zum Beispiel dem @LUXDominastudio und dem @RefugiumHamburg Habe tollen Kollegen*Innen in ganz Deuschland und der Schweiz kennengelernt, ein super Netzwerk untereinander geknüpft!

8./ Im Laufe der letzten Jahre in meiner Arbeit habe ich gelernt mich persönlich und in meiner eigenen Sexualität mehr zu definieren. Je mehr ich mich definiert und gesellschaftlich gezeigt habe, desto mehr Respekt habe ich geerntet und desto spannendere Gäste ziehe heute an.

9./ Ich habe sooo viele tolle, mutige, interessante, kreative, liebenswerte, wertschätzende, aufregende Menschen kennengelernt und lerne hoffentlich noch viele weitere kennen. Das ist einfach immer wieder irre spannend. 

10./ Finanziell komme ich mittlerweile sehr gut über die Runden, sodass ich mir keine Sorgen machen muss. Damals als Erzieherin habe ich eher wenig verdient, so dass finanziell meist sehr eng war. Heut fühle ich mich sicher 😃

11./ Last but not least, ich habe wirklich sehr viel Spaß, denn ich gehe zum Lachen auch in den Keller 😂 ich tue nur super selten etwas, was mich langweilt oder ich nicht so toll finde, dass bedeutet 100% mehr Lebensfreude! …und ich glaube mir fällt grad nichts mehr ein…

 12./ Aber hey – der Wahnsinn, 11 Punkte die meine Arbeit als #Sexarbeiterin so toll machen! Und mir ist beim Schreiben klar geworden, dass es wenig Kritik von meiner Seite gibt. Außer das Stigma von #Sexarbeit & die komischen Menschen, die mir meine Arbeit verbieten zu wollen.

Ein 😡 #Sexkaufverbot hilft leider am Ende niemandem. Ein #nordischesModell würde alles, was Menschenhandel und Frauen in schwierigen Situationen betrifft, noch mehr ins Dunkelfeld rücken.

Kommentar eines lieben Gastes zum ProstSchG

Gestern Abend erreichte mich folgender Text von einem lieben Klienten/Gastes. Adrian und ich kennen uns nun schon lange und es berührt mich immer wieder sehr, wie er unserer gemeinsamen Begegnungen reflektiert und erlebt. Deswegen ist die Zusammenfassung auch zu schade für einen Kommentar:

Liebe Daria,

mit Interesse habe ich deinen Beitrag zum Prostituiertenschutzgesetz gelesen. Auch ich verfolge die aktuelle Entwicklung mit Sorge und finde es erschreckend, wie wenig differenziert die Debatte oft geführt wird.

Es ist keine Frage, dass Zwangsprostitution, Menschenhandel und jede Form von moderner Sklaverei mit aller Härte bekämpft werden müssen. Ich begrüße es, wenn der Gesetzgeber noch entschiedener dagegen vorgehen will als bisher. Was ich aber nicht verstehe: Warum bemüht man sich nicht um mehr Differenzierung? Warum werden auch Dienstleistungen aus dem BDSM-Bereich, wie du sie anbietest, reglementiert und mit Repressalien belegt, als steckte dahinter etwas Ausbeuterisches oder ethisch Verwerfliches?

Rechtlich magst du als „Prostituierte“ gelten, aber man wird dir und deiner Arbeit nicht mal ansatzweise gerecht, wenn man dich auf diese (stigmatisierende) Bezeichnung reduziert. Für mich bist du unglaublich viel mehr als eine Prostituierte: Du bist für mich BDSM-Gefährtin, Beraterin, Coach, mütterliche Gesprächspartnerin und einfach ein wunderbarer Mensch, den ich sehr schätzen gelernt habe und der mir viel bedeutet.

Nicht zu vergessen auch die therapeutische Dimension, die in unseren Begegnungen von Anfang an steckte. Du hast mir die Mutter gespielt, die Lehrerin oder Erzieherin ‒ und mir damit die Möglichkeit gegeben, traumatische Kindheitserinnerungen zu bearbeiten. In den Rollenspielen mit dir konnte ich unterschiedliche Aspekte von Strafe, Autorität und Erziehung, Macht und Ohnmacht, aber auch Respekt und Angenommensein, neu für mich erleben und bewerten. Ich konnte alte Traumatisierungen ein Stück hinter mir lassen und durch neue Erfahrungen überschreiben. Und zwar auf eine so plastische und körperlich erfahrbare Weise, wie das in einer „richtigen“ Psychotherapie nicht möglich gewesen wäre.

Während unserer Spiele kam es einige Male zu schmerzlichen Projektionen, über die wir ausführlich gesprochen haben. Sexarbeit ist eben nicht nur schön und lustvoll. Es geht nicht nur um Erregung und Geilheit, wie viele denken. In den Begegnungen mit dir erlebte ich von Anfang an auch wehmütige Aspekte, eine melancholische und nachdenkliche, ja sogar traurige Seite. Ohne diese schmerzlichen Seiten wäre mir so manches Problem in meinem Leben niemals so deutlich bewusst geworden. Ich wäre vielleicht nie auf das das tief tiefsitzende Bindungstrauma aus meiner Kindheit gestoßen, das ich jahrzehntelang verdrängt hatte. 

Du hast mir Mut gemacht, mich z. B. über Körpertherapie zu informieren, meinem inneren Kind etwas Gutes zu tun oder die späte Auseinandersetzung mit meiner Mutter zu suchen. Gerade an diesen schmerzlichen Momenten bin ich gewachsen und gereift. Selbst mein Psychotherapeut (er ist Facharzt für Sexualmedizin und forensischer Gerichtsgutachter) meinte zu mir:

„Es hat etwas von Körpertherapie und Psychodrama, was Sie mit Daria machen, wie Sie ihre Kindheit reinszenieren und in einen für Sie positiven Ausgang umschreiben.“ 

Mit deiner Arbeit füllst du eine schmerzliche Lücke an der Schnittstelle zwischen Sexarbeit, Körperpsychotherapie/Psychodrama und Sexualbegleitung, zu der es keine wirkliche Alternative gibt. Eine gewöhnliche Psychotherapeutin kann mit mir über meine Probleme sprechen, aber sie wird mir niemals den Hintern versohlen oder mich in Handschellen legen. Diese plastischen, unmittelbar anschaulichen Erfahrungen waren jedoch wichtig und heilsam für mich. Ist das wirklich so schlimm oder verwerflich, dass der Gesetzgeber da restriktiv eingreifen muss? 

Ein weiterer Aspekt: Gerade für Menschen mit Behinderung und schwierigen Lebensläufen kann es auf „normalem“ Weg schwer oder sogar unmöglich sein, einen Zugang zu Partnerschaft und Sexualität zu finden. Auch für mich war es aufgrund einer Kombination aus Autismus und Kindheitstraumatisierungen bis heute nicht möglich, eine Partnerin zu finden und die Welt der Sexualität auf „normalem“ Weg zu entdecken. Du hast mir einen praktischen Zugang zur Sexualität ermöglicht, den ich vorher nicht hatte. In einem geschützten Rahmen, immer auf der Basis von gegenseitigem Respekt. Auch hier die Frage: Wem ist damit geholfen, wenn der Gesetzgeber in diesem Bereich immer strengere Reglementierungen erlässt? 

Und warum wird neuerdings auch hierzulande offen dafür plädiert, in Anlehnung an das schwedische Modell vor allem die Freier zu kriminalisieren? Wem schadet es, wenn ich dich dafür bezahle, dass du mir diese schönen und wertvollen Erfahrungen ermöglichst? Eine „offizielle“ Therapeutin müsste ich für ihre Hilfeleistung genauso bezahlen, daran stört sich ja auch keiner. Die Antworten auf diese Fragen ist der Gesetzgeber schuldig ‒ und all diejenigen, die weitere Gesetzesverschärfungen fordern.

Liebe Daria, Ich für meinen Teil weiß, was du mir bedeutest und was du für mich getan hat. Ich danke dir von ganzem Herzen für alles, was du mir in den zurückliegenden drei Jahren mit auf den Weg gegeben hast ‒ als Sexarbeiterin, als Frau und als Mensch. Inzwischen kennen wir uns mit unseren bürgerlichen Identitäten und reden uns mit unseren richtigen Vornamen an. Einen schöneren Vertrauensbeweis kann ich mir kaum vorstellen.

Davon abgesehen hast du mir etwas ganz Besonderes mit auf den Weg gegeben. Nämlich eine erste Ahnung, wie schön es sein muss, wenn man sich mit einer Frau verbunden fühlt und sie gern hat. Mir war immer klar, dass du niemals meine Partnerin sein kannst ‒ und es wäre problematisch, wenn ich diese Grenze eines Tages nicht mehr ziehen könnte. Trotzdem hast du mir vor Augen geführt, was mir im Leben noch fehlt, nämlich eine Frau an meiner Seite, die ich aufrichtig lieben und schätzen darf. Die Begegnungen mit dir haben meine Sehnsucht nach einer richtigen Lebenspartnerin noch verstärkt ‒ und auch meine Motivation, nach einer solchen Partnerschaft zu suchen.

Um die Botschaft zusammenzufassen: Ich verstehe wirklich nicht, was an unseren Begegnungen so fragwürdig oder gar verwerflich sein soll, dass man sie mit einem derart strengen Gesetz reglementieren oder im Extremfall sogar verbieten muss. Keinesfalls hoffe ich, dass das schwedische Modell eines Tages auch bei uns Einzug erhält. Ich wäre sehr traurig, wenn ich eines Tages nicht mehr zu dir kommen dürfte, weil der Gesetzgeber Dienstleistungen, wie du sie anbietest, in einem undifferenzierten Rundumschlag pauschal untersagt. 

Deshalb appelliere ich an den Gesetzgeber, seine Haltung zu den unterschiedlichen Formen von Sexarbeit (jenseits von Zwangsprostitution und Menschenhandel) noch einmal zu überdenken. Sexarbeit ist nicht gleich Sexarbeit. Die Spannweite ist enorm groß und man sollte sich schon die Mühe machen, genau hinzusehen und zu differenzieren. Sonst trifft es am Ende die Falschen, während sich die wirkliche Kriminalität nur neue Nischen sucht.

Dein

Adrian

Das Prostituiertenschutzgesetz

Meine Follower bei Twitter haben sicher schon bemerkt, dass ich mittlerweile das ein oder andere Mal bezüglich des ProtsSchG aktiv und auch „reaktiv“ werde. Auch in Gesprächen taucht das Thema mit Freunden und Gästen regelmäßig wieder auf. Deswegen habe ich mich entschieden hier etwas darüber zu schreiben.

Das ProstSchG ist seit 1. Juli 2017 für eine Übergangsphase und seit dem 1. Januar 2018 rechtlich aktiv in Kraft getreten.

Das Gesetz (…und die Folgen die damit einher gehen), ist für alle Frauen die „selbstbestimmt“ als SexarbeiterInnen beschäftigt sind, im Grunde genommen eine Farce. Ausgangsposition für war ursprünglich „angeblich“ „die Eindämmung“ von Zwangsprostitution und Menschenhandel. Aber seien wir mal realistisch, „welche illegale Sexarbeiterin aus Menschenhandel wird bei einer Beratung im Gesundheitsamt auftauchen?“ „Keine natürlich!“ Das bedeutet genau das, dass illegale Prostitution und die Frauen, die sich sowieso niemals hätten registrieren lassen, weiter in den Bereich der Dunkelziffern rutschen, als je zuvor. Meines Erachtens nach geht es um Kontrolle und um Eindämmung von Sexarbeit, wie wir in politischen Diskussionen um das schwedische Modell ja zeitnah auch beobachten können.

Erschwerte baurechtliche Genehmigungen, Registrierungspflichten, Gesundheitsberatungen, Informationsberatungen, KondomPflicht, sehr umfassende und komplizierte gesetzliche Vorlagen für Betreiber sind Stichworte um die es geht – nicht zu vergessen die Datenschutzrechte von Frauen, die im Grude verfassungsrechtlich nicht vertretbar sind. Die Bundesländer gehen mit diesem Gesetz übrigens unterschiedlich „streng“ um – in Leonberg wurden bereits am 2. Januar 2018 fünf Etablissements geschlossen – scheinbar ist „Sexarbeit“ dort nicht erwünscht. Die Behörde von Stuttgart ist immer noch in Arbeit, wobei auch einige Studios hier bereits freiwillig geschlossen haben bzw. schliessen mussten. Siehe hier: Stuttgarter Nachrichten

Nach diesen zwei Jahren, hat dieses Gesetz nicht nur Auswirkungen auf Bereiche in denen Frauen mit Sexualität arbeiten. TantaStudios, Swingerclubs, Laufhäuser, BDSM-Studios, PartyLocations die z.B. FetischVeranstaltungen organisieren. Sondern auch private Frauen, die sich auf z.B. Playparties amüsieren wollen, sind teilweise unangenehmen Kontrollen ausgesetzt, wenn sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Natürlich sind auch männliche, sowie trans Sexarbeiter davon betroffen, was letzten Endes jedoch nicht die breite Masse ist.

Vor etwa einem Jahr habe auch ich mich der stigmatisierenden Sonder-Registrierungspflicht für Sexarbeiter unterwerfen müssen, und besitze Seitdem einen „Hurenausweis“. Diesen muss ich immer bei mir tragen, wenn ich im Studio tätig bin. Sollte dies nicht der Fall sein, droht mir ein Bußgeld in Höhe von 1000€. Einmal im Jahr muss „Frau“ sich nun im Gesundheitsamt einer Informativen Beratung (im Grunde eine Art der Ausstiegsberatung) und einer Gesundheitsberatung unterziehen. Ach, da fällt mir ein „ich muss schon wieder“…. Absurd, das ich mir das – nachdem ich 15 Jahre in der privaten SM-Szene unterwegs bin, mit Tantra arbeite und als Therapeutin tätig bin – nun einmal im Jahr anhören muss. 45 Minuten zu Themen wie Geschlechtskrankheiten, Verhütungmittel, Benutzung von Kondomen (obwohl ich keinen Verkehr anbiete) und wie ich mich bei Schwangerschaft in der Prostitution verhalte – sowie 45 Minuten zum Thema ob ich mich mit meiner Arbeit wohl fühle, was es für Alternativen gibt…. Da fühle ich mich als Frau ja so überhaupt nicht ernst genommen.

Auch Themen wie Datenschutzverletzungen und Zwangsoutings sind trauriger weise mittlerweile für viele Frauen Realität geworden. Auch wenn ich, glücklicherweise, keine Angst vor einem Zwangsouting haben muss, da ich keine zweite Identität in meinem Leben habe, finde ich das was diesbezüglich passiert schrecklich. Viele Frauen benötigen, aus Gründen des massiven Stigmata in unseren Beruf, eine zweite Identität weil sie z.B. studieren, in leitenden Postionen arbeiten oder Kinder haben. Mit dem Hurenausweis und der Registrierung gerät das alles ins wanken.

In einem therapeutischen Arbeitskreis beschäftige ich mich gerade, unter anderem, intensiv mit Frauenrechten und mit Matriarchatsforschung. Das passt wunderbare zu der Thematik der Entmachtung der Frau mit diesem Gesetz. Scheinbar ist es für mich, wie bereits erwähnt, nun an der Zeit um politisch aktiver zu werden und Zeit für mehr Vernetzung – „also auf zum Hurenkongress nach Berlin!“. Auch wenn ich mich selber mit dem Namen des Kongresses nicht wirklich identifizieren kann, werde ich zusammen mit meinen beiden Freundinnen Lady Leona und Alraune daran teilnehmen.

Gute Literatur zum Thema sind übrigens Bücher von einer lieben Freundin, Undine: Hurenmanifest und auch von Ilan Stephanie: Lieb und Teuer

Wer ansonsten etwas mehr wissen oder unseren Berufszweig unterstützen möchte, findet Weiteres hier: Berufsverband Sexarbeit

Herzlichst Daria