Kommentar eines lieben Gastes zum ProstSchG

Gestern Abend erreichte mich folgender Text von einem lieben Klienten/Gastes. Adrian und ich kennen uns nun schon lange und es berührt mich immer wieder sehr, wie er unserer gemeinsamen Begegnungen reflektiert und erlebt. Deswegen ist die Zusammenfassung auch zu schade für einen Kommentar:

Liebe Daria,

mit Interesse habe ich deinen Beitrag zum Prostituiertenschutzgesetz gelesen. Auch ich verfolge die aktuelle Entwicklung mit Sorge und finde es erschreckend, wie wenig differenziert die Debatte oft geführt wird.

Es ist keine Frage, dass Zwangsprostitution, Menschenhandel und jede Form von moderner Sklaverei mit aller Härte bekämpft werden müssen. Ich begrüße es, wenn der Gesetzgeber noch entschiedener dagegen vorgehen will als bisher. Was ich aber nicht verstehe: Warum bemüht man sich nicht um mehr Differenzierung? Warum werden auch Dienstleistungen aus dem BDSM-Bereich, wie du sie anbietest, reglementiert und mit Repressalien belegt, als steckte dahinter etwas Ausbeuterisches oder ethisch Verwerfliches?

Rechtlich magst du als „Prostituierte“ gelten, aber man wird dir und deiner Arbeit nicht mal ansatzweise gerecht, wenn man dich auf diese (stigmatisierende) Bezeichnung reduziert. Für mich bist du unglaublich viel mehr als eine Prostituierte: Du bist für mich BDSM-Gefährtin, Beraterin, Coach, mütterliche Gesprächspartnerin und einfach ein wunderbarer Mensch, den ich sehr schätzen gelernt habe und der mir viel bedeutet.

Nicht zu vergessen auch die therapeutische Dimension, die in unseren Begegnungen von Anfang an steckte. Du hast mir die Mutter gespielt, die Lehrerin oder Erzieherin ‒ und mir damit die Möglichkeit gegeben, traumatische Kindheitserinnerungen zu bearbeiten. In den Rollenspielen mit dir konnte ich unterschiedliche Aspekte von Strafe, Autorität und Erziehung, Macht und Ohnmacht, aber auch Respekt und Angenommensein, neu für mich erleben und bewerten. Ich konnte alte Traumatisierungen ein Stück hinter mir lassen und durch neue Erfahrungen überschreiben. Und zwar auf eine so plastische und körperlich erfahrbare Weise, wie das in einer „richtigen“ Psychotherapie nicht möglich gewesen wäre.

Während unserer Spiele kam es einige Male zu schmerzlichen Projektionen, über die wir ausführlich gesprochen haben. Sexarbeit ist eben nicht nur schön und lustvoll. Es geht nicht nur um Erregung und Geilheit, wie viele denken. In den Begegnungen mit dir erlebte ich von Anfang an auch wehmütige Aspekte, eine melancholische und nachdenkliche, ja sogar traurige Seite. Ohne diese schmerzlichen Seiten wäre mir so manches Problem in meinem Leben niemals so deutlich bewusst geworden. Ich wäre vielleicht nie auf das das tief tiefsitzende Bindungstrauma aus meiner Kindheit gestoßen, das ich jahrzehntelang verdrängt hatte. 

Du hast mir Mut gemacht, mich z. B. über Körpertherapie zu informieren, meinem inneren Kind etwas Gutes zu tun oder die späte Auseinandersetzung mit meiner Mutter zu suchen. Gerade an diesen schmerzlichen Momenten bin ich gewachsen und gereift. Selbst mein Psychotherapeut (er ist Facharzt für Sexualmedizin und forensischer Gerichtsgutachter) meinte zu mir:

„Es hat etwas von Körpertherapie und Psychodrama, was Sie mit Daria machen, wie Sie ihre Kindheit reinszenieren und in einen für Sie positiven Ausgang umschreiben.“ 

Mit deiner Arbeit füllst du eine schmerzliche Lücke an der Schnittstelle zwischen Sexarbeit, Körperpsychotherapie/Psychodrama und Sexualbegleitung, zu der es keine wirkliche Alternative gibt. Eine gewöhnliche Psychotherapeutin kann mit mir über meine Probleme sprechen, aber sie wird mir niemals den Hintern versohlen oder mich in Handschellen legen. Diese plastischen, unmittelbar anschaulichen Erfahrungen waren jedoch wichtig und heilsam für mich. Ist das wirklich so schlimm oder verwerflich, dass der Gesetzgeber da restriktiv eingreifen muss? 

Ein weiterer Aspekt: Gerade für Menschen mit Behinderung und schwierigen Lebensläufen kann es auf „normalem“ Weg schwer oder sogar unmöglich sein, einen Zugang zu Partnerschaft und Sexualität zu finden. Auch für mich war es aufgrund einer Kombination aus Autismus und Kindheitstraumatisierungen bis heute nicht möglich, eine Partnerin zu finden und die Welt der Sexualität auf „normalem“ Weg zu entdecken. Du hast mir einen praktischen Zugang zur Sexualität ermöglicht, den ich vorher nicht hatte. In einem geschützten Rahmen, immer auf der Basis von gegenseitigem Respekt. Auch hier die Frage: Wem ist damit geholfen, wenn der Gesetzgeber in diesem Bereich immer strengere Reglementierungen erlässt? 

Und warum wird neuerdings auch hierzulande offen dafür plädiert, in Anlehnung an das schwedische Modell vor allem die Freier zu kriminalisieren? Wem schadet es, wenn ich dich dafür bezahle, dass du mir diese schönen und wertvollen Erfahrungen ermöglichst? Eine „offizielle“ Therapeutin müsste ich für ihre Hilfeleistung genauso bezahlen, daran stört sich ja auch keiner. Die Antworten auf diese Fragen ist der Gesetzgeber schuldig ‒ und all diejenigen, die weitere Gesetzesverschärfungen fordern.

Liebe Daria, Ich für meinen Teil weiß, was du mir bedeutest und was du für mich getan hat. Ich danke dir von ganzem Herzen für alles, was du mir in den zurückliegenden drei Jahren mit auf den Weg gegeben hast ‒ als Sexarbeiterin, als Frau und als Mensch. Inzwischen kennen wir uns mit unseren bürgerlichen Identitäten und reden uns mit unseren richtigen Vornamen an. Einen schöneren Vertrauensbeweis kann ich mir kaum vorstellen.

Davon abgesehen hast du mir etwas ganz Besonderes mit auf den Weg gegeben. Nämlich eine erste Ahnung, wie schön es sein muss, wenn man sich mit einer Frau verbunden fühlt und sie gern hat. Mir war immer klar, dass du niemals meine Partnerin sein kannst ‒ und es wäre problematisch, wenn ich diese Grenze eines Tages nicht mehr ziehen könnte. Trotzdem hast du mir vor Augen geführt, was mir im Leben noch fehlt, nämlich eine Frau an meiner Seite, die ich aufrichtig lieben und schätzen darf. Die Begegnungen mit dir haben meine Sehnsucht nach einer richtigen Lebenspartnerin noch verstärkt ‒ und auch meine Motivation, nach einer solchen Partnerschaft zu suchen.

Um die Botschaft zusammenzufassen: Ich verstehe wirklich nicht, was an unseren Begegnungen so fragwürdig oder gar verwerflich sein soll, dass man sie mit einem derart strengen Gesetz reglementieren oder im Extremfall sogar verbieten muss. Keinesfalls hoffe ich, dass das schwedische Modell eines Tages auch bei uns Einzug erhält. Ich wäre sehr traurig, wenn ich eines Tages nicht mehr zu dir kommen dürfte, weil der Gesetzgeber Dienstleistungen, wie du sie anbietest, in einem undifferenzierten Rundumschlag pauschal untersagt. 

Deshalb appelliere ich an den Gesetzgeber, seine Haltung zu den unterschiedlichen Formen von Sexarbeit (jenseits von Zwangsprostitution und Menschenhandel) noch einmal zu überdenken. Sexarbeit ist nicht gleich Sexarbeit. Die Spannweite ist enorm groß und man sollte sich schon die Mühe machen, genau hinzusehen und zu differenzieren. Sonst trifft es am Ende die Falschen, während sich die wirkliche Kriminalität nur neue Nischen sucht.

Dein

Adrian

8 Antworten auf „Kommentar eines lieben Gastes zum ProstSchG“

  1. Soooo hier möchte ich auch was zu schreiben, weil ich die Zeilen von Adrian voll nachfühlen kann…

    Ich habe ja schon einige Diskusionen auf Twitter zu diesem Thema gehabt, und hab mich schon mit Leuten in Berlin angelegt…

    Und ja ich finde es Hölle wenn man diesen Bereich völlig verlieren würde…Wie ich oft sage meine Freiheit wäre eingeschrenkt und weis das ich davon wieder Krank werde….

    Bevor ich überhaupt zu dem Thema Dominastudio und alles gewagt habe, habe ich meine Sexualität völlig Unterdrückt. Behinderte will ja eh meist keiner im Privaten Bereich und Kontakte pflegen fällt einem dann schwerer. Wenn man dann noch Transexuell ist ist es so gut wie unmöglich…

    Nun und dann habe ich meine Chefin (Lady Johanna) in Berlin kennen gelernt. Sie hat mir wirklich gezeigt wie wertvoll ich doch bin, was in mir steckt und ich meine Bedürfnisse besser bennen kann. Mit viel Geduld und Strenge zeigte sie mir die Welt die für mich verschlossen schien.

    Das Thema Transexualität ist all gegenwärtig und dank ihrer Art habe ich endlich mehr Zugang zu mir und meinen Körper bekommen, so das ein Orgasmus unheimlich schön sein kann…

    Ja und Miss Daria hat nun mal eine Art einen zu Berühren mit ihren Händen…Was wenn nicht sie die es schafft das man Zugang zu sich selbst bekommt…

    Wenn das alles wegbricht, wohin soll ich dann gehen…Im Privaten kann mir keiner mit Geduld und Strenge zeigen was geht. Kaum versteht einer die Gedanken mit denen man sich rum schlägt…

    Und ich möchte einfach Leben und nicht wieder in Depressionen und Selbstmordsenarion versinken…

    Ja und wer eigentlich in der Welt schreibt eigentlich vor welcher Job legal und nicht legal ist. Warum wenn das bei vielen Menschen so eine Positive Auswirkung muss man das so in den Dreck ziehen…

    Warum wird im 21 Jahrhundert Sex immer noch als was schlechtes und dreckiges gesehen???

    Daher werde ich an eurer Seite Kämpfen damit alle unsere Freiheit bekommen….

  2. Ja auch ich habe Angst wenn die Verbote und Gesetzte durchgesetzt werden….

    Ich gehöre auch zu den Randgruppen wo wenig oder gar nicht über Sexualität, BDSM und Bedürfnisse gesprochen wird. Wenn man Rollifahrer und TS ist gestaltet sich das scherr unmöglich jemand passendes im Privaten zu finden…

    Viele Jahre hab ich auf meine Sexualität und Bedürfnisse verzichtet, weil viele Angst und ja auch Eckel empfinden. Bis ich doch in die Professionelle Schiene gekommen bin…

    Es hat wirklich gedauert bis ich wieder einen Zugang zu mir bekam, respekt vor mir selbst bekam und einfach fühlen konnte.

    Menschen wie Daria oder meine Chefin haben mir gezeigt das ich genau wie jeder andere auch Bedürfnisse habe. Das sie ein Recht haben zu exestieren…

    Und das soll jetzt durch die Politik alles genommen werden…übel…was wen von denen im Rollstuhl landen und ihren Druck nicht los bekommen, weil keiner mehr sie anfassen will…oft denke ich die sowas forden müssen fühlen wie es ist, damit sie z.B. über Menschen her ziehen die das gerne machen…ja und sich für den Beruf bewusst entschieden haben…

    Ich hoffe für alle Menschen die eben zu einem Profimenschen wie Daria gehen das es bestehen bleibt…das die Frauen erhört werden und man sie nicht abwertent behandelt….Das man mit ihnen die Gesetze macht und die nicht gegen sie…

    Danke Daria und alle die diesen Job machen, das es euch gibt…ohne euch würde es mir nie so gut gehen und hab Spaß….

    dein kleiner Werwolf

  3. Es ist in der Tat so, dann im Bereich von Femdom völlig andere Strukturen herrschen. Das liegt schon in der Natur der Sachen. Dominas sind in der Regel sehr intelligent und besitzen Empathie
    Und sind nicht abhängig von Zuhaeltern
    Der Gesetzgeber tut gut daran, Menschenhandel und Ausbeutung zu verfolgen, aber sollte auch differenzieren und den BDSM Bereich ausnehmen

    1. Lieber Pan,
      danke für Deinen Kommentar 🙂 Ja Differenzierung ist sehr wichtig, nicht nur im Bereich BDSM sondern grundsätzlich. Die öffentliche Diskussion dreht sich immer alles um Zwangsprostitution und Menschenhandel. Aber letzten Endes geht es um zweierlei – ss geht um Sexarbeit und um Menschenhandel/Zwangsprostitution. Da müsste die erste Differenzierung stattfinden. Erst dann wird eine faire Auseinandersetzung möglich.
      Viele Grüße
      Daria

  4. Liebe Daria,

    den Dank gebe ich gerne an dich zurück! Ich bin gerührt, wie sehr dir mein Kommentar gefällt und dass du ihn tatsächlich freigeschaltet hast, trotz der vielen „heißen Eisen“, die ich darin anspreche.

    Vielleicht können wir auf diese Weise gemeinsam etwas bewegen und einige Leute, die jede Form von Sexarbeit kategorisch ablehnen, ein wenig ins Nachdenken bringen.

    Dein
    Adrian

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