Und was sonst noch so passierte…

Liebe Leser*Innen, liebe Freund*Innen, liebe Gäste,

es war hier in letzter Zeit sehr still um mich hier und auch bei Twitter. Aber gibts nun nen kleinen Überblick über das was hier so passiert ist – ich war alles andere als untätig.

In den vergangenen Wochen war wirklich viel los und es gab Tage, da wusste ich gar nicht mehr wo mir der Kopf steht.

Und leider stand mir lange nicht der Kopf danach, mich mit meiner Arbeit als Sexarbeiterin im Rahmen von Erotik und Sexualität zu beschäftigen. Ich vermute einige von Ihnen/von euch vermissen diese Auseinandersetzung. Jedoch ist der Kampf um Rechte und um eine Ernstnahme in unserem Arbeitsfeld insbesondere in Stuttgart aber auch grundsätzlich ist sehr kompliziert. Ich glaube tatsächlich, dass wir in Deutschland aufpassen müssen, dass wir nicht wirklich auf ein Sexkaufverbot zusteuern oder gar in Stuttgart auf ein Bordellverbot. Letzen Endes ist das Thema also absolut existenziell. Jetzt, da ich wieder arbeiten darf (wenn ich denn Zeit habe) ändert sich das mit meinem Fokus vermutlich auch wieder…

Aber nun zu den Geschehnissen der letzten Wochen, am 8. Oktober war ich mit Alraune in Mannheim auf einer „offenen“ Podiumsdiskussion von der dortigen Diakonie zum Thema Sexkaufverbot. Wie sich mit einem Blick auf die Rednerliste zeigte, war diese Veranstaltung alles andere als „offen“. Der erste Redner Herr Sporer, ein ehemaliger Kripobeamter aus Augsburg, zeichnete 45 Minuten polemisch die schrecklichsten Bilder aus Menschenhandel und Zwangsprostitution. Der zweite Programmpunkt war Dr. Heil, Arzt und Psychiater aus Mannheim. Er stand den Worten und Willen seines Vorredners leider in nichts nach. Die Dritte in der Runde war die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Mannheim – sie war (in meinen Augen) in erster Linie daran interessiert, eine gute Außenwirkung dar zu stellen. Und ganz zum Schluss sprach noch kurz der Leiter der Diakonie Mannheim selbst.

Währenddessen habe ich vor Wut auf meinem Stuhl vor mich hin gekocht, verkrampft und gezittert weil ich es kaum aushalten konnte. Es gab die Möglichkeit über Zettelchen Fragen in die Runde zu bringen. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen – meine war erste Frage …nach 90 Minuten „pro Sexkaufverbot“: „Wer von den Anwesenden spricht denn hier mit und für Sexarbeiter*Innen?“

Ich durfte dann sogar zu meiner Fragen nochmal genauer erklären was sie bedeutet, was ich auch tat. Darüber hinaus tat ich an dem Abend mein Bestes um in (geschlagenen 2-3 Minuten) der erkämpften Redezeit die wir bekamen, auf zu zeigen, dass die Runde überhaupt nicht „offen“ war. Und ich versuchte deutlich zu machen warum ein Sexkaufverbot nicht die Lösung sein kann. Fazit des Abends: Eine sehr schwierige Veranstaltung und eine gute Übung für mich um mich in Wut zu beobachten und mich für zukünftige Veranstaltungen dieser Art besser zu wappnen. Dort, wo ich mich normalerweise nicht traue zu sprechen, kann ich dank unglaublicher Wut aufstehen und mich für meine und die Rechte anderer einsetzen.

Die Gleichstellungsbeauftragte hat mich am allermeisten enttäuscht. Sie hat auf meine Kommentare hin Dinge gesagt wie: „Wir können ruhig über Sexarbeitende reden, wir müssen nicht mit Ihnen, wir sind in einer Demokratie!“ Und: “ Prostitution ist keine Arbeit sondern eine Krankheit – und manche Menschen (solche wie ich) können damit besser umgehen als andere!“

Was das mit Gleichstellung zu tun hat, kann ich nicht sagen und lässt mich im Jahre 2020 wirklich verzweifeln.

Was noch so alles geschah:

Am 11. Oktober haben wir, also Johanna Weber, Alraune und ich bei Ophelia, einer Bloggerin auf Twitter einen tollen Podcast aufgenommen. Es ging um die aktuelle politische Lage zum Thema Sexkauf/Sexkaufverbot und natürlich speziell um die Lage in Stuttgart. Die Infos sind klasse, leider der der Podcast hinter eine Paywall, da Ophelia in einem gewissen Rahmen anonym bleiben möchte… Aber falls ihr doch neugierig seid: Hier gehts weiter zum lauschen!

Sei dem 13. Oktober (nach exakt 7 Monaten) dürfen wir endlich wieder arbeiten – aber der Ritt dahin war auch ein ziemlich beschwerlicher. In der Woche vor dem 13. Oktober wurde vor den VGH einer Klage wegen Unverhältnismäßigkeit stattgegeben und somit sollten am 12. Oktober Bordelle/Betriebe in Baden-Württemberg wieder öffnen dürfen. Allerdings wurde von der Stadt Stuttgart die besondere Allgemeinverfügung vom 17. Juli, einem Totalverbot jeglicher Form der Sexarbeit, nicht aufgehoben und sich diesbezüglich auch nicht geäußert. Somit habe ich mit ein paar anderen, am 12. Oktober die Ämter mit Mails und Anrufen bombardiert, damit die Stadt sich diesbezüglich positioniert – was am späten Nachmittag dann auch geschah.

Und es geschah natürlich noch viel mehr, ich habe vor einigen Wochen durch Zufall erfahren, dass am 20.10. der „runde Tisch zu Verbesserung von Prostitution in Stuttgart“ stattfinden wird – natürlich ohne Sexarbeiter*Innen, welch Überraschung. Also habe ich mich dran gemacht, im Namen des BesD an einer Teilnahme zu arbeiten. Meine E-Mail wurde leider ignoriert – fühlt sich auch an wie eine Form von „Hurenstigma“. Vielleicht sollte ich darüber mal einen Bericht schreiben? Seid ihr daran interessiert? Also nachdem meine Mail etwas mehr als eine Woche ignoriert wurde, habe ich es telefonisch weiter versucht und hatte irgendwann Erfolg. Nachdem ich quasi schriftlich verifizieren musste, dass ich bereit bin wirklich an der „Verbesserung der Prostitution“ zu arbeiten, habe ich eine Zusage und die Tagesordnung bekommen. Zwischen der Zusage und dem Termin habe ich mich nochmal unter meinen möglichen Bündnispartner*Innen umgehört, wer ebenfalls dabei sein würde.

Leider wurde der runde Tisch drei Stunden vor Beginn dann plötzlich abgesagt. 🙁 Nichts geklärt zur aktuellen Situation, keine meiner Fragen beantwortet. Ich habe mich stattdessen mit dem Leiter der Aidshilfe getroffen und wir haben uns zu möglichem weiterem Vorgehen ausgetauscht. Er hat mich im Laufe unsere gefragt, ob ich Lust hätte mich für den Vorstand der Aidshilfe Stuttgart vorzustellen und aus der Perspektive auch ein bissel für das Thema Sexarbeit in unserer Stadt mit zu arbeiten. Drei mal dürft ihr raten was passiert ist? Am Freitag wurde ich in den Vorstand gewählt der Aidshilfe Stuttgart gewählt.

Die nächsten Tage habe ich hier auch noch einiges auf dem Zettel, unter anderem meine SexualtherapieAusbildung. Aber ab nächste Woche arbeite ich dann wieder eingermaßen regulär. Eigentlich wäre ich zu dem Zeitpunkt nach Berlin ins Lux gereist – leider haben nach und nach einige meiner Gäste abgesagt und die aktuellen Infektionszahlen sind leider ebenfalls nicht kompatibel.

Ich hoffe alles pendelt sich so langsam aber sicher mal wieder ein. Ich sehne mich na etwa Ruhe und nach ein bissel ganz normaler Arbeit im Salon ?. Apropos Salon Exzentric – wir müssen natürlich nach einem HygieneKonzept arbeiten.

Termine finden natürlich unter anderen Voraussetzungen statt. Die Hygieneregeln haben wir für Sie bereitgestellt. Es finden nur vorher terminierte Sessions statt, Sie müssen außerdem bereit sein, Ihre Kontaktdaten bei uns zu hinterlassen. Also eigentlich genauso wie momentan überall.

Soviel erstmal, nun sind Sie/seid ihr wieder auf dem Laufenden.

Herzlichen Gruß

Daria Oniér

Emotionale Anklage – ein Modell zur Kriminalisierung

Liebe Stadt Stuttgart,

vor knapp vier Jahren bin ich in den Stuttgarter Speckgürtel gezogen. Ich komme aus dem liberalen Hamburg und habe mich, nachdem ich begonnen habe hier zu arbeiten, in die Stadt Stuttgart verliebt. Alle Leuten denen ich erzähle, dass ich die Schwaben toll finde und mich hier wohler fühle als ich mich je in Hamburg gefühlt habe, belächeln mich und können es kaum glauben.

Und das ist auch noch heute so, allerdings fühle ich mich grade von Deiner Politik verraten und verkauft.

Gestern Abend kam ich aus Bonn zurück, meine Kolleg*Innen vom BesD und vom BSD und ich haben dort zwei Veranstaltungen organisiert, im Zuge einer Tagung Bündnis nordisches Modell von Abolitionisten*Innen, um auf uns aufmerksam zu machen und zu demonstrieren, dass wir da sind und nicht aufgeben.

Auf dem Heimweg habe ich im Zug noch ein wenig „gesurft“ und wurde bei Facebook auf folgende zwei Beiträge aufmerksam gemacht:

Zu Hause angekommen, habe ich festgestellt dass ich mich schon wieder maßlos darüber ärgere, dass die Stadt Stuttgart horrende Summen in solche Unternehmen und Kampagnen stecken kann. Getoppt wurde das dann noch von dem Kommentar von Frau Breymeier, die bei Twitter über uns spottete:

Liebe Stadt Stuttgart,

ist DAS wirklich DEIN Ernst?

Vor einigen Wochen bin ich über die Information gestolpert, dass Du unter anderem die RotlichtAUS Kampagne und für die Sisters im Frühjahr 2020 mit 50.000 € gefördert hast.

….jetzt da ich das noch einmal lese, werde ich fast grün vor Ärger!

Nachdem am Donnerstag nach dem runden Tisch BaWü zu Thema Prostitution klar war, dass wir bis auf Weiteres nicht arbeiten dürfen, war ich schon verärgert und ohnmächtig. Es wurden von verschiedenen Beratungsstellen berichtet, dass Sexarbeit sich durch das Arbeitsverbot bereits in der Illegalität breit macht und viele Sexarbeiter*Innen sich in existenzieller Not befinden. Prostitution im Dunkelfeld fördert nachweißlich die Gewalt und die Abzocke an Sexarbeitenden und durch Anonymität und Hilflosigkeit auch Infektionen mit Corona und STI’s.

Dein Sozialminister Manne Lucha sagt im selben Atemzuge, dass er auf Seiten der Prostituierten steht und dass er Bordelle (und somit sichere Arbeitsplätze) nicht öffnen wird, ohne das eine Klage entsprechendes erreicht….oder die Infektionslage sich deutlich verbessert.

Stuttgart, DAS ist doch alles nicht war. Nicht zu öffnen aufgrund steigender Coronainfektionen wäre ja eventuell noch nach zu vollziehen – eigentlich auch nicht, wenn Du Sexarbeitenden Solidarität versprichst – aber nachvollziehbarer wäre es.

Wenn ich aber sehe wie DU Deine Fördergelder verteilst wird klar, DU willst uns gar nicht helfen. Es macht mich fassungslos zu sehen wie damit DU mit diesen Kampagnen tausende von Sexarbeitenden diffamierst und ruinierst – ohne mit uns zu sprechen.

DU willst UNS einfach nicht, Du möchtest hunderte von Männern, Frauen und Transmenschen ans Messer liefern. Nicht nur zu Zeiten von Corona, sondern auch langfristig.

DU willst einfach nur das Rotlicht AUSKNIPSEN – für immer.

Aber weißt Du was? Das wird nicht funktionieren, nur leider hast Du das bisher nicht begriffen. Prostitution verschwindet nicht, nur weil man sie verbietet. In Schweden gibt es immer noch genau so viele Sexarbeitende wie vor Einführung des schwedischen Modells und das unter sehr viel schwierigeren Bedingungen, z.B. berichten Sexarbeiter*Innen, dass sie sich von der Polizei verfolgt und nicht geschützt fühlen.

(Quelle Universität Göteborg, Susanne Dodillet)

Es das „schwedische oder nordische Modell“ zu nennen verharmlost die Situation und das Thema um das es geht. Das worüber wir hier sprechen sind Sexkaufverbote = KriminalisierungsModelle.

Was ein solches KriminalisierungsModell bedeutet, zeigt die Situation unter dem jetzigen Arbeitsverbot recht deutlich. Sexarbeit findet weiterhin statt, muss absolut heimlich geschehen. Häufig unter extremen Stress und Druck und mit steigender Gewalt und weniger Geld, da Sexarbeitende in der Illegalität erpressbarer sind – also unter miserablen Bedingungen.

Behauptet wird: „Das nordische Modell soll Sexarbeiter*Innen schützen und ihnen im Umgang mit Kunden zu einer verbesserten Rechtslage verhelfen.“ DAS nenne ich Verharmlosung und vollkommene Verschleierung. Liebes Stuttgart, glaubst Du das ernsthaft?

SEXARBEIT“ ist in Schweden erlaubt, aber kriminalisiert wird jede/r, die/der von den „verdienten“ Geldern der Sexarbeiter*Innen profitiert, Ehemänner, Babysitter*Innen, Vermieter*Innen etc. Dass heisst jeder der sich mit „jemandem wie mir“ abgibt und irgendwelche Geldwerten Mittel von mir erhält würde sich strafbar machen. In meinem Falle mein Vermieter, meine Ziehtochter und meine Ziehenkelin.

Darüber hinaus werden in Schweden dann auch noch diejenigen bestraft, die eine sexuelle Dienstleistung erwerben – also Sie/Ihr!

Liebe Gäste, liebe Sklaven*Innen, liebe Nutzer von Sexualassistenz, Massagen, Sex,

– ihr liebe Damen, Herren und diverse Menschen in Stuttgart

– ihr, die ihr ab und zu eine sexuelle Dienstleistung in Anspruch nehmt

– „ja genau Du“ – Du würdest Dich in Zukunft strafbar machen! Ach ja, und ich, ich auch – ich habe auch schon für sexuelle Dienstleistungen gezahlt.

Es ist vollkommen paradox, dass ich dann nach dem „schwedischen Prinzip“ zwar noch legal arbeiten dürfte und alles um mich herum kriminalisiert wird? Wie genau kann das gelingen, STUTTGART? Wie finde ich dann einen sicheren Raum in dem ich arbeiten kann? Und wie jemanden, bei dem ich wohnen kann? Wie generiere ich meine Gäste? Was kommen da noch für Gäste?

Stuttgart, ich klage Dich an. Du verletzt meine Grundrechte, meine freie Berufswahl und Du willst mich und zig tausende Mitstreiter*Innen in die Illegalität drängen.

Von 90.000€ Fördergeldern zahlst Du 60.000€ für Kampagnen gegen mich und meinen Berufsstand. Aus Töpfen die für Gleichstellung und Chancengleichheit gedacht sind – und ich bekomme gar keine Chance.

Realsatire sagte eine bekannte Aktivistin dazu – Du nimmst meine Steuergelder und zahlst für eine Kampagne die mich in die Illegalität drängen möchte.

STUTTGART – wir müssen reden!

Für alle die es wirklich interessiert, hier weitere Stellungnahmen und Informationen zum Thema:

Tagung Hamburg

Weitere Infos folgen…

Mehr Sexualität

Eine sexualtherapeutische Evaluation

Seit etwa einem Jahr mache ich, zu meinen bisherigen therapeutischen Ausbildungen, eine körperlich orientierte Sexualtherapieausbildung (Sexocorporel).

In verschiedenen Seminaren dazu ist mir nochmal auf einer ganz anderen Ebene als bisher deutlich geworden, wie wenig wir Menschen eigentlich über Sexualität wissen und was wir allen noch lernen können.

Sehr gerne möchte ich von diesem Wissen etwas weiter geben und darüber hinaus habe ich mir ein besonderes Angebot für eine „sexuelle Evaluation“ überlegt.

Sie/Du möchtest gerne etwas mehr über Ihre/Deine Sexualität erfahren?

Sie/Du möchtest mehr darüber wissen was in der Sexualität noch alles möglich ist?

Oder vielleicht gibt es Probleme mit der eigenen Sexualität oder der Paarsexualität?

Oder…..etwas anderes was zum Thema passt und ich nicht benannt habe?

Dann sind Sie/bist Du hier ganz richtig.

Die Evaluation umfasst drei einzelne Sitzungen á 50 Minuten, natürlich in einem geschlossen Raum unter Schweigepflicht. Termine sind in Stuttgart und Esslingen möglich. Terminvereinbarung bitte per Mail.

Da ich diesbezüglich noch „Auszubildende bin“ kostet eine Sitzung nur 50€ anstatt 90€- sprich: Diese Evaluation kostet insgesamt nur 150€ – ein Schnäppchen, nicht wahr ?

Ich freue mich über Ihre/Deine Kontaktaufnahme

Herzlichst Daria

Hamburg – endlich wieder Hamburg

Liebe Gäste, liebe Neugierige,

am 23. und am 24. November werde ich wieder in Hamburg zu gast sein.

Dieses Mal werde ich ein Hotel, oder eine neues Location ausprobieren. Haus und Hotelbesuche sind ebenfalls machbar.

Aufgrund der Corona- bzw. Hygienemaßnahmen ist es dringend notwendig, dass Sie rechtzeitig einen Termin reservieren.

Kontakt bitte per Mail, da ich mein Handy momentan selten bei mir haben.

Ich freue mich über ihre Kontaktaufnahme.

Herzlichen Gruß

Daria Oniér

Wenn sich die Gegnerfraktion einschleicht…

Wenn sich die Gegnerfraktion einschleicht…

…und ein Paradebeispiel dafür bietet, dass wir Sexarbeiter*innen von eben diesen überhaupt nicht ernst genommen werden! Und leider auch deutlich macht, wie unmöglich es ist mit solchen Menschen eine konstruktive Auseinandersetzung zum Thema Sexarbeit zu führen.

Sarkasmus, Lügen, Manipulation und absurde Analogien

Damit ihr wisst wovon ich hier schreibe, gehts hier zum besagten Artikel:  Kontext 

Ein Artikel der dafür sorgte, dass ich gestern unglaublich sauer auf mich selber war – zum einem weil ich nicht über ALLE angemeldeten Presseleute ALLE entsprechenden Infos eingeholt hatte, zum anderen über den Text an sich und über die Art und Weise wie Menschen den Journalismus so missbrauchen können. Bei der Einhaltung ihres Berufskodex* einfach mal ganz tief ins Klo gegriffen: Fern ab von neutraler Berichterstattung.

Nach jeder Menge guter Presse – als Echo auf unsere Pressekonferenz, die Laufhausführung und die Kundgebung der letzten Woche hier in Stuttgart, war er dann da: „Der Artikel den man ganz sicher nicht lesen möchte, wenn man sich gerade sehr intensiv politisch für seine Grundrechte und seine Berufsgruppe eingesetzt hat!“ 

Ich wollte niemals politische Arbeit machen. Ich wollte vor allem nicht als Sexarbeiterin im Fernsehen landen, geschweige denn Demos organisieren oder mich mit Journalismus auseinander setzen. Da Sexarbeit KEINE Lobby hat außer die Sexarbeitenden selber und das Thema weder in der Politik noch in den Medien fair behandelt wird, blieb mir bei meinem hohen Sinn für Gerechtigkeit irgendwann aber gar nichts anderes mehr übrigens als mich politisch zu engagieren. 

Ja, es mag unglaublich naiv klingen, aber was mich jetzt dabei  am meisten umtreibt ist der Fakt, dass ich nicht ernst genommen werde!

Einen solchen Tag, wie den 6. August 2020 zu organisieren ist ein unglaublich anstrengendes Unterfangen, kostet sehr viel Zeit und Energie, bringt kein Geld und war trotzdem unabdingbar – vor allem in Stuttgart. Das Stigma und die Diskriminierung ist riesig und wie sollen wir ohne politisches Engagement zu einer Anerkennung der Sexarbeit kommen. Überall wird ständig über uns anstatt mit uns geredet. 

So bin ich dann doch in diesem politischen Feld gelandet und Frau Stiefel nutzt ihre Stellung bei der Kontextwochenzeitung um ihre „persönliche Meinung“ zu einem möglichen Prostitutionsverbot zu verbreiten und scheut dabei weder vor Lügen noch vor Manipulation zurück. Das nehme ich irgendwie persönlich, als würde jemand mein Engagement und meinen Berufstand mit Füßen treten. (Ja, ich weiß, ich sollte das nicht persönlich nehmen…) 

Und Frau Stiefel hat es ebenfalls getan: Sie hat nicht mit uns geredet, sondern jetzt redet sie über uns! Denn Frau Stiefel hat nicht eine Frage gestellt. Sie hätte die Chance gehabt, mit uns einen offenen Austausch zu führen. Aber nein, sie missbraucht ihren Pressekodex um ihre persönliche Meinung kund zu tun und unsere Aktion ins Lächerliche zu ziehen.

In ihrem Artikel nutzt sie jede Form der rhetorischen Manipulation um den Leser emotional zu beeinflussen, hier zum Beispiel: „….die Tattoo-Dichte auch. Masken tragen alle, beliebt bei Männern aus dem Milieu: Totenkopfmaske, die ein grimmiges Lächeln ins Gesicht friert.“ Was genau trägt das zur Sache bei?

„Die Show für die Presse ist ein bisschen wie ein Tag der offenen Tür bei der Bundeswehr. Keiner redet über Krieg, alle bestaunen die Gewehre, und wer Glück hat, darf am Ende Panzer fahren!“ schreibt Frau Stiefel. Merkwürdige Analogie würde ich sagen, was sie damit bezweckt, kann ich nur mutmaßen. Prostitution mit Krieg gleich zu setzen? Braucht man das, wenn einem die Argumente fehlen? Oh – jetzt werde ich auch sarkastisch – ein Übel das ich der Frau Stiefel vorwerfe – und nun tappe ich selber in die Falle. Verzeihung, aber diese Berichterstattung ist auf keiner Ebene fair, da fällt es mir wirklich schwer mich selbst anständig zu verhalten.

„Man könnte meinen, der Sex-Job sei ein Riesen-Spaß…“, 

„…Barsesselchen…“, …und schwupps, so ganz nebenbei…“, ,„…Knöpfchen drücken…“, „…hier im Tabeldance-Schuppen…“, „…sexy Effekt“…, „…außerdem hätten sie ein super Hygienekonzept…“. Auch bei mehrfachem Lesen finde ich kaum einen Satz der wirklich ernst gemeint ist. Das meiste wird ins Lächerliche gezogen, übertrieben dargestellt und merkwürdig betont, so das der Leser gar nicht die Möglichkeit bekommt, sich ein neutrales Bild des Geschehens zu machen.

Auch an Lügen wird natürlich im Artikel  auch nicht gespart: „Menschenhandel, Zwangsprostitution oder Gewalt sind kein Thema im Messalina im Stuttgarter Rotlichtviertel.“ Wer dabei war weiß, das das Thema Prostitution im Verborgenen während der momentanen Situation, eines der wichtigen Themen auf der Pressekonferenz und auch auf der Kundgebung war. Die Not der Frauen, die keine Soforthilfe bekommen haben, die keinen festen Wohnsitz haben etc., und jetzt heimlich arbeiten müssen ist gravierend und benötigt dringend Unterstützung. Das ist einer der Gründe, warum wir fordern, dass wir wieder arbeiten dürfen. Alle Sexarbeitenden die jetzt gerade arbeiten müssen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt, sind widrigen Umständen ausgesetzt. Da sie gerade illegal arbeiten, sind sie erpressbar und können sich in Nöten an niemanden wenden. 

Aber zurück zum Thema Lügen und Manipulation: „In Schweden, wo Sexkauf verboten ist, gelten Männer, die eine Frau nur über Geld ins Bett kriegen, längst als Loser“ heisst es! So ein Quatsch! Wieder erzeugt sie, mit einer nicht nachweisbaren Aussagen, Emotionen beim Leser….weil es ja auch so viele Studien und Statistiken dazu gibt, dass Männer die Sexarbeit in Anspruch nehmen Loser sind. „Und jeden Tag gehen in Deutschland eine Million Männer ins Bordell!“ ist die nächste Unwahrheit die in den Raum gestellt wird. Denn wenn nicht einmal klar ist, wie viele Sexarbeiter*innen es in Deutschland gibt, wie kann dann eine solche Zahl entstehen? 

Nun nachdem ich diesen Beitrag geschrieben habe, finde ich es nur noch halb so wild, was Frau Stiefel aus ihrem Artikel gemacht hat. Wie gesagt, ein Paradebeispiel dafür wie die Gegnerfraktion mit uns Sexarbeiter*innen umgehen. Nämlich das lieber über uns als mit uns geredet wird.

Dennoch, ein bitterer Beigeschmack bleibt, denn ich mag es nicht, wenn jemand mich nicht ernst nimmt und sich über mich lustig macht. 

Im Übrigen, uns (allen Aktivist*innen in der Sexarbeit die ich kenne und mir) ist durchaus bewusst, dass es Menschenhandel und Gewalt in der Prostitution gibt. Wir sind jederzeit dazu bereit, darüber zu sprechen und es ist uns ein Anliegen, uns für bessere Bedingungen und vernünftige Rechte zu engagieren. 

*Mehr zu adäquatem Journahttps://www.presserat.de

 

Presse rund um unsere Kundgebung in Stuttgart

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.widerstand-gegen-corona-massnahmen-prostituierte-demonstrieren-am-donnerstag-in-stuttgart.a6c491d8-abfe-4f44-8a1e-7a19e45c63bb.html

Prostituierte demonstrieren in Stuttgart gegen die strikten Regeln für ihre Branche.

https://www.sueddeutsche.de/panorama/prostituierten-demo-fuer-uns-ist-hygiene-nichts-neues-1.499221

https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Prostituierte-Fuer-uns-ist-Hygiene-nichts-Neues-467240.html

https://www.regio-tv.de/mediathek/video/prostituierte-wollen-wieder-arbeiten/

https://www.hurriyet.de/news_-prostituierten-demo-fuer-uns-ist-hygiene-nichts-neues-_143539462.html

https://m.bild.de/bild-plus/regional/stuttgart/stuttgart-aktuell/demo-in-stuttgart-prostituierte-wollen-wieder-kunden-72257374,view=conversionToLogin,oview=amp.bildMobile.html

https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/stuttgart-prostitution-kundgebung-auflagen-corona-100.html

https://www.7aktuell.de/message.php?id=24203

Impressionen der Kundgebung und Presse vom 6. August 2020

? Ich sage euch, „DAS war vielleicht ein Ritt“ in der letzten Woche. Ich glaube, ich war nicht zuvor in meinem Leben so angespannt und so aufgeregt wie von Mittwoch, den 5.8. zum Tag nach der Demo. Samstagmorgen kam ich von den unzähligen Adrenalinschüben so langsam wieder runter.

Wenn man Veranstalterin ist, dann ist „Frau“ Ansprechpartnerin für alles und alle. Dass hatte ich unterschätzt als ich vor rund vier Wochen dachte, ich könnte mich den Demos in Deutschland anschließen und eine Kundgebung für Stuttgart organisieren. Johanna Weber vom Berufsverband erotischer und sexueller Dienstleistungen (BesD) war davon begeistert, „Oh ja, mit Pressekonferenz und Laufhausführung!“ Und so stand es dann…

Aus allen Ecken kamen im Vorfeld schon liebe Menschen um mich zu unterstützen, Mut wurde zugesprochen, Flyer wurden entworfen, die Kundgebung wurde angemeldet und Alraune hat sich dann glücklicherweise als zweite Organisatorin angeboten.

Wusstest ihr, dass die Menschen von der Presse manchmal alles wollen und zwar sofort. Am Vortag vor der Demo – inmitten vom Malen der Plakate und vor dem Empfang von Stephanie Klee vom BSD und Nicole und Nadine aus Trier und Köln – habe ich dann nochmal den SWR empfangen und Ihnen für 1,5 Stunden meinen Arbeitsplatz gezeigt. Eigentlich war mir dass alles viel zu viel, aber natürlich wollte ich dass sie Presse gut über uns berichtet und habe das Interview somit noch eingeschoben.

Und ich bin sehr, sehr dankbar – der Beitrag ist super toll geworden – seht selbst.

Nun, tatsächlich war ich am selben Abend nach dem ganzen Tamtam im Fernsehen. Über all diese Dinge hatte ich mir im Vorfeld ehrlich gesagt wenig Gedanken gemacht. Das ganze Programm, Rechtschreibfehler korrigieren, Menschen finden die auf der Pressekonferenz und auf der Kundgebung sprechen, Termine organisieren, Leute informieren, mit den unterschiedlichen Beteiligten kommunizieren etc. – all das hat bereits all meine volle Aufmerksamkeit benötigt.

Der Journalist von der BILD war eine herausfordernde Geduldsprobe, der Herr hat uns nämlich inmitten der Vorbereitung zur Kundgebung, hin und her geschoben wie kleine Mädchen aus Pappmaché und auch genauso mit uns geredet. Ich wäre am Liebsten ausgeflippt und hätte ihm gezeigt, was Respekt bedeutet. Bin ich natürlich nicht, freundlich wie ich bin – ich wollt ja am nächsten Tag nichts von einer zickigen Organisatorin lesen. Habe ich dann auch nicht gelesen ? dafür hat der Kerl Stephanie Klee zur Veranstalterin gemacht und mich zur Sexualpädagogin anstatt zur Therapeutin. Aber „Alles in Allem“ trotzdem gute Presse.

Meine Befürchtung, die Stuttgarter Politik die wir auch gern auf uns aufmerksam machen wollten – macht sich vermutlich aus alledem nichts. Da müssen wir hier wohl am Ball bleiben.

Aber allein für die Vernetzung hier in Stuttgart war das ganze gigantisch ? Ich habe verschiedene Betreiber kennengelernt, Laura Holding Hoppenheit LINKE Stadträtin, der tolle Leiter der AIDSHilfe Franz Kieler, das Café Strichpunkt, die Quere SPD, Leute von den Piraten, Beratungsstellen etc. waren dabei…. sehr sehr gut – für den Anfang!

Also liebe Leute haltet uns die Daumen. Irgendwann müssen wir doch wieder arbeiten dürfen. In Berlin geht es nun auch seit Samstag wieder ?

Hier noch ein paar Fotos und euch einen tollen Tag.

Ach ja, ich habe mir vor lauter Anfragen der Presse nun einen Nachnamen zugelegt… Irgendwann hatte ich ihn im Kopf – eine Bedeutung gibt es nicht. Für mich bedeutet er „im Fließen“ zu sein.

Herzlichst Daria Oniér

Und ein riesen Dankeschön nochmals an alle, die dabei waren:

an alle die im Hintergrund geholfen haben

alle die, die uns von irgendwoher unterstützt haben

an euch treue Leser

Nicole, Johanna, Nadine, MadameKALI, Frank, Patrick, Achim, Jan, Leona, Lou, Sarah, Elke und Markus, Steffi, Julia, Maren, Frank, Leo, Alraune, Norbert, Laura, Nick, Maja, Arachne, John Heer, Johanna Köln, Rainer und allen anderen die ich jetzt vielleicht vergessen habe ?

Demonstration damit die Bordelle wieder öffnen.

SexworkerDemo am 06. August in Stuttgart

Wir wollen wieder arbeiten!!! #RotlichtAN

In Belgien, in der Schweiz, in den Niederlanden, in Tschechien und in Österreich ist Sexarbeit bereits seit z.T. Wochen wieder erlaubt. Trotz der Lockerungen in den meisten Branchen bleiben Prostitutionsstätten fast deutschlandweit geschlossen.

In nur wenigen Städten und Bundesländern gibt es jedoch kleinere Lichtblicke und Wohnungsprostitution ist wieder erlaubt und ein paar Betriebe werden Schritt für Schritt unter Hygienekonzepten wieder geöffnet.

In Stuttgart hingegen wurde die Situation nocheinmal verschärft und seit dem vergangenen Samstag herrscht ein Komplett-Verbot der Prostitution in Stuttgart.

HIER gehts zur Allgemeinverfügung -> https://www.stuttgart.de/img/mdb/item/698984/155558.pdf

Nach lautstarken Protesten in Berlin und Hamburg fordern Sexarbeiter*Innen, Betreiber*innen, Fachberatungsstellen sowie der Berufsverband für Sexarbeiter*innen (BesD e.V.) und der Bundesverband für Betreiber*innen (BSD e.V.) nun auch in Köln ein Ende des Berufsverbot. Dort wird es am 29.Juli eine Demo geben – weitere Infos hierzu findet Ihr hier: Köln

Und wir machen HIER weiter und zwar am 6. August 2020

Unser Programm:

14 Uhr Pressekonferenz (nur für die Presse) im Messalina, Leonhardstraße 7

15 Uhr und 15:30 Uhr je eine Laufhausführung im City-Eroscenter, Leonhardstraße 7 – für alle Interessierten (Nur mit vorheriger Anmeldung zur Einhaltung der Coronaregelungen)

16 Uhr Kundgebung Wilhelmsplatz

Wir freuen uns über jede Unterstützung und zahlreiches Erscheinen!

Lady Leona, Alraune und Daria

Fragen und Anregungen gerne bei mir: Daria

Anmeldung zur Laufhausführung bei Alraune: 0151-59447074