Zum Artikel „Freier oder unfreier“ aus der „Zeit“

Vor einigen Wochen gab es, zwischen Kristina Marlen und Leni Breymeier, ein sehr spannendes Streitgespräch in der Zeit (siehe Foto). Leider kann man es online ohne Abo nicht mehr einsehen, vielleicht ersetzt es das Foto ein wenig. Hier der Link, falls ihr/sie ein Abonnement habt: Freier oder unfreier

Ein lieber Freund und Unterstützer von uns, hat anschließend einen sehr ermutigenden und klar positionierten Leserbrief zu diesem Artikel verfasst.

Die Antwort darauf fand ich persönlich sehr dünne und habe den Eindruck, dass Frau Parnack in gewisser Weise doch nicht ganz ‚unparteiisch‘ ist.

Beides wollte ich gerne mit euch teilen, in der momentanen politischen Lage für Sexarbeiter*innen ist es einfach so wichtig, dass möglichst viele Informationen in die Welt kommen, die deutlich machen womit wir in der Sexarbeit konfrontiert sind.

Danke Dir sehr A. für Dein Engagement und Deine wunderbare Unterstützung 🙏

Leserbrief zu „Freier oder unfreier?“ vom 30. Januar 2020 (6/2020) 

Sehr geehrte Damen und Herren, 

in dem Interview berichtet Frau Breymaier, ein Sozialarbeiter habe ihr erzählt, in seinem Umfeld würden mindestens 95 Prozent der Frauen zur Prostitution gezwungen. 

Das ist mal wieder eine dieser Hochrechnungen auf Grund von Schätzungen, die auf Vermutungen beruhen, wie so häufig bei diesem Thema. 

Der Schluss des Sozialarbeiters aus seinem Umfeld auf die Gesamtzahl der unfreiwilligen Prostituierten kommt mir vor, wie wenn ein Monteur in einer Autowerkstatt aus seiner Erfahrung schließt 95 % aller Autos seien defekt. 

Wenn Frau Breymeier das Wort Sexarbeiter nicht benutzt, ist das ihr Problem, aber einfach zu definieren Prostitution habe mit Sex nichts zu tun, steht ihr weiß Gott nicht zu! Und wenn sie gegen Menschenrechtsverletzungen ist, muss sie ehrlicherweise auch gegen ein faktisches Prostitutionsverbot wie das sog. Nordische Modell sein. Außerdem, wieso fordert sie ein „Sexkaufverbot“, wo doch Prostitution – nach Breymaiers Meinung – gar nichts mit Sex zu tun hat?Ihre Behauptung, sie schütze Frauen in der Prostitution, ist so absurd wie nur irgend etwas. Jemand schützen zu wollen, indem man ihm/ihr die Ausübung des Jobs verunmöglicht ist doch schizophren! 

Weiter behauptet sie:„Dieses schwerkriminelle Milieu ist nach der Einführung des Sexkaufverbots abgezogen. Nach Deutschland.“ 

Dazu eine Pressemitteilung der schwedischen Polizei von 2010:„Die schwere organisierte Kriminalität, darunter Prostitution und Menschenhandel, hat im letzten Jahrzehnt an Stärke und Komplexität zugenommen. In Schweden stellt sie ein ernstes soziales Problem dar und die organisierte Kriminalität erwirtschaftet durch die Ausbeutung und den Handel mit Menschen unter sklavenartigen Bedingungen große Geldsummen.“Wo also ist sie, die segensreiche Wirkung des Nordischen Modells? 

Ich bin auf Frau Breymaiers Seite, wenn sie Tagesmietpreise von 120 bis 160 € für ein Zimmer beanstandet. Aber warum bemüht sie sich nicht – in einem ersten Schritt  – dagegen vorzugehen? Wegen solcher Zustände Sexkauf komplett verbieten zu wollen bedeutet doch, das Kind mit dem Bade auszuschütten. 

Wenn Frau Marlen ihre Gefühle und Empfindungen bei ihrer Arbeit beschreibt, wird dies von Breymaier einfach als Mythos oder Legende abqualifiziert. Das ist empörend und zeigt, dass mit Frau Breymaier eigentlich überhaupt nicht vernüftig diskutiert werden kann.Frau Breymaier schließt mit der Aussage: „ Mir hat erst letzte Woche ein Sozialarbeiterin Berlin von einer Frau erzählt,…..“Was ihr die Sozialarbeiter erzählen, ist für sie Fakt, was ihr eine Sexabeiterin berichtet, ist Mythos und Legende. Deshalb nochmal: Mit Breymaier ist eine vernünftige Diskussion nicht möglich! 

Als Schiedsrichter würde ich urteilen mindestens 1:0 für Frau Marlen! 

Mit freundlichen Grüßen 

A.

Antwort auf den Leserbrief von A.

Sehr geehrter Herr A.

haben Sie Dank für Ihre Zuschrift und Ihr damit verbundenes Interesse am Streitgespräch „Freier oder unfreier?“.

Dass ich mich als Moderatorin an dieser Stelle auf keine Seite schlagen möchte, ist vielleicht verständlich – wohl aber habe ich Ihre Zeilen mit Gewinn gelesen und kann Ihren Gedankengang dazu gut nachvollziehen.

Nicht ohne Grund ist sich Frau Breymaier im Klaren darüber, dass sie in Ihrer Partei wie überhaupt in der Gesellschaft eine Minderheitenmeinung vertritt. Kristina Marlen hingegen hat vielleicht die Mehrheitsmeinung auf ihrer Seite, dafür aber gesellschaftlich eine wesentlich schwierigere Position und Verbreitungskraft.

Insofern kann ich ganz unparteiisch immerhin soviel sagen, dass ich beide Frauen für ihren Mut bewundere, öffentlich für ihre Position bei so einem schwierigen Thema zu streiten. Und was ich noch sagen kann, ist: Dass ich mich, sowohl als Leiterin des Streit-Ressorts wie auch als als Moderatorin des Gesprächs, sehr über Ihr Interesse freue. Bleiben Sie uns gewogen.

Das hofft, mit freundlichen Grüßen

Charlotte Parnack DIE ZEIT

4 Antworten auf „Zum Artikel „Freier oder unfreier“ aus der „Zeit““

  1. Ich habe das Interview gelesen. Frau Breymaier sieht und argumentiert in allem aus ihrer Sicht der Webergasse.
    Die Situation für Prostituierte dort ist großteils sicher unwürdig bis kriminell.
    Aber anstatt die Situation der Prostituierten zu verbessern , – wie man es bei den Fleischern in den deutschen Schlachthöfen versucht – und etwas dafür macht, die Prostituierten zu schützen, diskriminiert und diskredidiert Frau Breymaier die Prostituierten noch mehr.
    Das Menschenrechtsgejammer von Frau Breymaier sind reine Krolodilstränen.
    In Wirklichkeit geht es Frau Breymaier darum das sexuelle Gewerbe, sexuelle Arbeit zu verbieten und zu stigmatisieren. Dad sind die Moralvordtellungen der Frau Breymaier , die sie umtreibt. Nicht Empathie für Prostituierte. Verlogene Moral eben.

  2. Ach ja die Gegner die immer die gleichen Argumente bringen, sich aber nie tiefgründiger mit dem Thema auseinander setzen….

    Sie macht sich wichtig um einfach zu zeigen was sie für eine Heldin ist…Im Grunde geht es ihr gar nicht um die Menschen sondern nur um sie selbst.

    Leider ist und funktioniert Politik meist nur…so lange es Menschen wie Dich oder auch ich in meinem Rahmen aufstehen und sagen so nicht…Geht das nicht so schnell…

    Menschen hat man immer schon versucht Mundtod zu kriegen, aber nicht mit mir…

    Daher Kämpfen bis zum letzten Atmenzug und wir schaffen das…

    Dein kleiner Werwolf

    1. Guten Morgen „Kleiner Werwolf“
      Ja, vermutlich hast Du recht. Wobei Politik eben auch ohne uns funktioniert – ist halt die Frage wie sie das tut… Und wenn es um meinen Beruf geht, dann muss ich dafür aufstehen und wenn es um die Rechte von Frauen geht ebenso.
      Gut, dass es Menschen wie A. und Dich gibt, die uns da unterstützen.
      Danke

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